DIE VERLIERER + SCHIMMEL ÜBER BERLIN Aftershow: Fish'n'Candy 06.11.26 in Berlin, Astra Kulturhaus
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Informationen
Von einer Band, die man liebt, wünscht man sich beides: dass sie überrascht und ganz sie selbst bleibt. Mit ihrem dritten Album „Ideale“ gelingt Die Verlierer genau das. Was man von ihnen erwartet, scheint kaum eine Rolle zu spielen. Große Refrains, lange Stücke, Instrumentalpassagen und experimentellere Momente führen die Songs in unerwartete Richtungen. Dann kommt mit „Bomben“ plötzlich ein beinahe kitschiger, offen sentimentaler Moment. Doch die Verlierer gehen damit so unverkrampft um, dass sie einen mit Dingen erwischen, die man eigentlich nicht mag.
Die Songs unterscheiden sich deutlich voneinander und ergeben ein geschlossenes Album. Zusammengehalten werden sie vom unverwechselbaren Sound der Band, der ihre Identität entscheidend prägt. Dazu kommt diese mitreißende Energie, die Die Verlierer seit ihrem ersten Album auszeichnet.
Bei aller musikalischen Freiheit bleibt die Haltung stabil. Die Texte sind klar politisch: gegen Gier, Krieg und die Mächtigen, die entscheiden, Kasse machen und die Folgen anderen überlassen. Die Texte bleiben nicht bei Orientierungslosigkeit und einer düsteren Bestandsaufnahme stehen. Als einzige Gegenkraft rückt stärker als zuvor die Verbindung zwischen Menschen in den Mittelpunkt: eine Hand, eine Berührung, ein gemeinsamer Moment oder ein Korn Hoffnung in der Aussichtslosigkeit. Was die Texte klar aussprechen, ist in der Freiheit und Energie der Musik zu spüren.
„Dornbusch“ bringt auf den Punkt, was diese Band im Kern ausmacht. Fünf Menschen geben etwas Intimes hinein, jede Stimme bleibt bei sich, und gemeinsam schaffen sie etwas, das nur diese fünf hervorbringen können.
Der letzte Satz des Albums bleibt hängen: „In Zeitlupe kann man die Welt nicht retten.“ Eine Absage an Stillstand und Wegsehen – ein passender Schlusspunkt für ein Album, das ernst auf die Welt blickt und seine Energie nie verliert.
(V.Varlet)
Für das Konzert gibt es Sozialticket zu einem günstigeren Preis, diese Tickets sind limitiert. Bitte lasst sie für die Leute, die sie wirklich brauchen! Im Umkehrschluss gibt es Supporter-Tickets, die Ihr erwerben könnt und damit Band und Venue unterstützt.
Die Band Schimmel über Berlin ist eines der vielen Klanggesichter der Liv Billerbeck, ein Gesicht, das man niemals sieht, das im Verborgenen sich umblickt und agiert und das trotzdem aber in einer seltenen Klarheit erscheint. Man sieht es beim Hören, schemenhaft. Ihr Schaffen ist befallen vom West-Berlin der 1980er Jahre (Xmal Deutschland, Malariaetc.).
Eine Rolle, gerade in der musikalischen Brillanz und Produktionsraffinesse, spielt britischer Post-Punk, der sich sehr klar auch im treibenden Spiel von T-Rex (Bass + Produktion), Việt Phương Vũ (Gitarre) und Christian Ramisch (Schlagzeug – mit Phương übrigens bei der ebenfalls sehr guten Band NOJ) zeigt: The Sound, Killing Joke et. al.!
Es handelt sich bei dieser Musik um einen Sound mit retroesquem Anstrich, der spürbar eine vergangene Luft atmet, einer Nostalgie an eine ferne Zeit anheimfällt, die das Quartett ob ihres Alters nicht erlebt haben kann, und die vielmehr eine Sehnsucht bedeutet, in der Unerfüllbarkeit eine Melancholie mitbringt, eine Art treibende Traurigkeit spürbar macht. Das allein ist groß! Was weitergehend daran aber so interessant, besonders und wahnsinnig schön ist: Das klingt in Billerbecks Schaffen – und insbesondere hier, beim Schimmel über Berlin – nicht wie eine Kopie, ein Abklatsch, eine Reminiszenz oder das, was in der so called NNDW bald flächendeckend geschieht: das Anzapfen einer überholten Coolness. Denn etwas ist ganz gegenwärtig daran, in der Eigenständigkeit, macht einem eindringlich das Hier und Jetzt spürbar, auf unterschiedlichen Ebenen: Traurigkeit, ja, aber auch Bock, bis in die Morgenstunden auszugehen, schnellen Schrittes über rutschiges Kopfsteinpflaster zu traben. Musik dann wieder zum Verkrümeln in zugigen Altbauten, von Schreien über einen nebelbedeckten See im Umland Berlins. Und eben kein Eskapismus, auch wenn die Musik zur Flucht taugte.
(Hendrik Otremba)